theatrum mundi II

Neueste Arbeiten, fortgesetzt aus theatrum mundi II sind hier zu sehen:

http://saengersphall.com/galerie-mnemosyne/ und
http://saengersphall.com/mnemosyne/ (2015 – heute)

Saengers Phall (2013 – heute).

(nu wenn schonn : bei einem anständigen Menschen lebt am Ende nur noch der Kopf!). (Arno Schmidt, Caliban über Setebos)

 

theatrum mundi : Splitter – Druckgraphik

the sun shone, having no alternative, on the nothing new; Siebdruck, 106 cm x 76 cm, Zerkall Bütten; 2013

 

Ape indicates perplexity by headscratching, Aquatinta, Platte: 55 cm x 55 cm; Papier: 106 cm x 78 cm, Bütten, 340 g; 2013

 

Splitter, alle 5: Aquatinta, Platte: 10 cm x 15 cm, Papier: 22,5 cm x 19,5 cm, Bütten, 340 g; 2013

heroische Landschaft 1 – 5, (die ganz großen Themen sind weg), alle: Aquatinta, Platte: 12,8 cm x 14,5 cm, Papier: 22,5 cm x 19,5 cm, Bütten, 340 g; 2013
Heroische Landschaften:
. . . hier nun entstand auch die sogenannte heroische Landschaft, in welcher ein
Menschengeschlecht zu hausen schien von wenigen Bedürfnissen und von großen
Gesinnungen. Goethe, Schriften zur Kunst, zweiter Teil, dtv Gesamtausgabe, München 1962, S.
107).

. . . unsere ganz großen Themen sind weg. . .
(frei nach Hegel, Werke, Bd.10, S. 370)
Materialpräparation:
Callot: Der Baum der Gehenkten – James Stewart in Vertigo – Bericht einer Mas-
senexekution der Wehrmacht – aus der gefangenschaft, raf häftlinge, 1992 –
Odyssee, Niemand ist mein Name – Idyll aus Oklahama; Arthur Holitscher: Ame-
rika heute und morgen – Kapitel 45 – Poseidon (Vase, Antikensammlung München)
– heroische Landschaften: Gericault, Koch, Dahl (neue Pinakothek München)
– Fotos: Fußabdruck auf dem Mond, Astronaut als Schatten beim Fotografieren
(Nasa) – Hölderlin, Der Titan – Himmler, Posener Geheimrede

theatrum mundi : Splitter – Entwürfe – Zitate

alle: Arbeiten auf Papier: 30 cm x 30 cm und 100 cm x 70 cm, 2012
© Grossmanns Büro

zwei gegenläufige Sequenzen als Grundstruktur:
persönliche Formulierung (Handschrift, Duktus)
allgemeine Formulierungen (Zitate, Gewohntes)

Materialpräparation:
Hölderlins Gedicht Andenken
Bilder (Apollo 11)
Logbuch Donald Crowhurst
Fotos von Nagasaki
Johannes auf Patmos (Mitteltafel) (Burgkmaier d.Ä.)
Maria mit dem Wickelkinde (Dürer)
Woyzeck (Büchner)
Tusche
Pauspapier

Was bleibet aber stiften die Dichter (Hölderlin)
the bomb’s gone (Bomberbesatzung)
it is all finished (Donald Crowhurst)

und über allem schwebt Arno Schmidts Caliban über Setebos (s. smithereens)

Ausgesetzt einer Bilderflut, sollten wir uns doch überlegen, was eigentlich unsere eigenen Gedanken sind. Für die Kunst gilt, daß alles schon geäußert ist und wir keinen (konstruierten) Blick in die Zukunft bekommen: (Albert Robida gab 1882 die Folge „Le vingtiéme siecle“ heraus. Dort ist allerlei Blick in die Zukunft zu sehen: Flugmaschinen, Fernseher etc…, die kühnen Zukunftsvisionen sind aber nicht zu erkennen bei den Darstellungen im Design und der Kunst. Diese ähneln doch ausschließlich der bekannten Kunst aus seiner Zeit).
Wir sind von Zukunftsvisionen innerhalb der Kunst nachvollziehbar abgeschnitten; es ist unvorstellbar, daß Robida 1882 in die Bars der Zukunft für die Mitte des 20. Jahrhunderts Bilder hineingemalt hätte ähnlich denen Jackson Pollocks.

Zukünftige Kunst kann nicht dargestellt, denn sie würde nicht als Kunst erkannt werden. (Es erscheint geradezu paradox, daß gerade das, was als modern und avantgardistisch gilt, zeitgenössische Kunst, ausschließlich den Blick nach hinten besitzt).
Blickt die Kunst also zurück auf ihr eigenes Andenken. Heute nun ist der Zugriff auf Gewesenes im Überfluss, doch gerade weil es uns im Überfluss zum jederzeitigen Abruf bereitsteht, geht es um die Subjektivierug des Blickes (Andenkens) auf das Gewesene.

Die Auswahl der Bilder ist verdichtet und steht jeweils stellvertretend für große Themenkomplexe:
Kunstgeschichte – Dokumentation – subjektives Erleben

Donald Crowhurst erlebte bei einem Einhandrennen um die Welt als Segler die Einsamkeit und Isolation. Ausserdem war er kein Weltumsegler, doch er spielte der Welt  einen vor. Schließlich fuhr er nie um die Welt, begann aber eine Reise um die Welt im Kopf (und auf Papier : fälschte ein Logbuch), begann unter der langen Isolation zu leiden (er durfte ja nie gesehen werden, denn sonst wäre der wahre Standort bekannt geworden), sah die Welt am Ende komplett anders und ging mitten in der Saragossa See von Bord.

Vergleichbar damit ist die narrative Technik bei Hölderlin: es wird verknüpft die subjektbezogene Wahrnehmung der Außenwelt und die damit einhergehende  Wunschvorstellung (Erinnerungsbilder) zum Zustand des Dichters / Sprechers im ersten Teil des Gedichtes.
Die zweite Sequenz erlebt eine Abkehr vom Ich, spricht über Freunde : (abwesende – Präteritum); es wird auf die See verwiesen, die See verschlingt und sie gibt: das ist unser kollektives Gedächtnis an die See. (Das wußte schon Homer / Odysseus).
Zusammen hängt die Ungewissheit der Entdecker, deren Angst, aber auch deren Zerstören alter Vorstellungen der Welt, das Heimweh, die Mondfahrer, die Gefahr, das Alleinsein.
Kollektives Gedächtnis sind auch die zitierten alten Meister. Auch deren Darstellungen, wie Maria mit dem Wickelkinde oder Johannes auf Patmos, wo er bekanntermaßen die Erleuchtung bekam und die Offenbarung niederschrieb: (kein kollektives Gedächtnis).

Nagasaki jedoch steht für kollektives Gedächtnis wie die Mondlandung, eingemeißelt in unsere Erinnerung.
Was bleibet aber stiften die Dichter : das aber steht hier für Gegensatz; es ist die Erinnerungskompetenz der Dichter / Künstler, aber nicht der Kunst!

Es ist selbstreflexiv auf das Thema verwiesen: das Verhältnis von Ich und Welt. (s.o.: es geht also um die Subjektivierung des Blickes). Kunst kann nur auf Kunst schauen.  Andenken wird durch die Existenz des Textes zum Gedicht, weil es bei tieferer Betrachtung den Dichtungsvorgang thematisiert. Es ist, wie Kunst in logischer Konsequenz allgemein, autopoetologisch und bleibt in sich verschlossen im semantischen Raum.
(nu wenn schonn : bei einem anständigen Menschen lebt am Ende nur noch der Kopf!).
Erinnerungen zersplittern im Andenken daran und Kunst zersplittert durch die Subjektivierung des Blickes.

 

 

Ein Gedanke zu „theatrum mundi II

  1. felix

    Und sind nicht gerade die Momente des kollektiven Erlebens so gewählt, daß sie dem Konzept der „smithereens“ eine zeitlichen Dimension geben? Sowohl die abgeworfene Bombe auf Nagasaki als auch die Mondlandung sind Ereignisse, die die möglichen Perspektiven auf unser Erleben unwiderbringlich verändert haben. Die eine, wortwörtliche, Explosion (Nagaski) und die andere, metaphorische, Explosion (Mondlandung) haben sozusagen den semantischen Raum dieser Erlebbarkeit jeweils neu definiert. Wir konnten danach nicht mehr in den alten, vorherigen semantischen Raum zurückkehren, da dieser zumindest erweitert, vermutlich aber zersplittert (engl. „shattered“) wurde. Ebenso kann man die Erleuchtung des Johannes auf Patmos interpretieren, da er ja nun als Evangelist ganz wesentlich zu der gemeinsamen Kultur der christlich-westlichen Welt und somit auch den semantischen Raum des Erlebens in dieser geprägt hat. Wiederum ist die Erleuchtung ein zeitlich singuläres Ereignis und kein schleichender Prozeß, also wiederum eine Veränderung, die man in dem Kontext des „theatrum mundi“ als explosionartig ansehen kann.

    Ich gebe zu, daß ich erstmal die Geschichte von Donald Crowhurst nachlesen musste, aber was ist das für eine fantastische Geschichte? Ein Mensch, der aus Verzweiflung einen Mythos besiegen will, aber schnell seiner eigenen Grenzen bewußt wird und dann wiederum versucht, die ganze Welt zu täuschen und sich letzlich im Netz seiner Täuschung verfängt und den letzten Ausweg nimmt.

    Ich bin wirklich mal gespannt, wie das „theatrum mundi II“ dann in der Galerie manifestiert. Der erste Einblick hier ist defintiv spannend.

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