Archiv für den Monat: Januar 2012

von Kalypso zu Smithereens

Kalypso, 2008 - 2009; Öl auf Leinwand, 230 x 260 cm

Kalypso ist konstruiert aus einem während der Arbeit an dem Bild sich verdichteten und im Lauf der Arbeit an dem Bild numerisch festgelegten Bilderpool. Diese Verarbeitungstechnik hat sich währenddessen entwickelt und verdichtet. Wiederholungen, Spiegelungen, (erste) Gruppierungen, eher Anordnungen.
Als Stütze der Komposition wurde Kalypso zu einem klassischen Triptychon innerhalb des Bildes. Das Triptychon lässt sich leicht in den Zyklus 18 Tafelbilder für Ulysses einbinden. Links und rechts wird das Wimmelbild zitiert, mittig das „erhabene“ Rechteck und unten das zitierte Sarkophagfries, das sich bei emanzipierteren Tafelbilder finden lässt. (meist mit Inschriften o.ä.).

Losigkeit

Losigkeit, 2009 - 2010, Öl, Radierungen, Papier und Stoff auf Leinwand, 260 x 460 cm

Losigkeit und die gesamten Beckettstudien, darunter auch Le salaud! Il n’existe pas! verfolgen dieses Prinzip weiter. Was bei Kalypso anfing durchzuscheinen, wurde bei Losigkeit und Le salaud! Il n’existe pas! Programm. In einem neuen Zyklus wurden diese Prinzipien auch deshalb ausgearbeitet, da ich einerseits nicht die Programmatk der 18 Tafelbilder für Ulysses überladen wollte und auch nicht wußte, wie viel an Arbeiten anfallen würde, bis das Prinzip erkannt, benutzt und zur Bilderreife gelangen kann.
Bei den Radierungen wurde es zur Serie, der angesetzte Bilderpool wird variiert, zerstört und neu aufgebaut etc…, immer über einer seriellen Matrix, die die Ordnung des Materials übernahm.
Bei der Leinwandarbeit Losigkeit ist das Prinzip der Materialpräparation und Materialordnung in ein Gleichzeitigkeitsmodell überführt. Die Anordnung der einzelnen Bildelemente, die Darstellung von Prozess, Planung und Spontanem wurde zum inhaltlichen Prinzip eines Bildes, das jedes Element sofort negiert, hinterfragt, hat man es einmal erkannt. (deswegen fiel die Wahl auf Beckett)
So noch der einfachere Hinweis des Einnähens des schwarzen Moltons als geplante Anordnung.
Das unmittelbare eingipsen des Moltons zum Beispiel auf der anderen Seite des Bildes verweist auf Gestus und Spontaneität.
Das scheinbar lockere und zufällige aufkleben der Radierungen verweist bildhaft eher an Notizen als an endgültiges Material im Bild. Doch wenn man genauer hinschaut, so entdeckt man auf allen Radierungen ein oder mehrere Datumsangaben, sehr oft eine Nummer und dann einen Haken für abgehakt. Diese Entschlüsselung ist schon schwerer, denn sie zeigt eine typische Praxis innerhalb des Kupferdruckers und des Künstlers, wenn die Platten den fertigen Zustand erreicht haben. Danach wird die Arbeit an den Platten beendet und erst zu einem späteren Zeitpunkt (bei größeren Serien wie hier, die Radierungen sind die Blätter 1-8 sowie 10 und 11) wird die Auflage gedruckt. Somit verweisen die Radierungen in dem Bild, die ja doch eine auffälligere Stellung einnehmen, einmal auf die Verbindung zu Le salaud! Il n’existe pas!, und durch die Einarbeitung der ersten Gruppe und den ersten zwei Blättern aus der zweiten Gruppe, zeigt es das Ausgangsmaterial für die 32 Radierungen und die anfänglichen Verdichtungen und Verneinungen der Abbildungen aus der ersten Gruppe.  Also auch hier ein Ja und ein Nein. Was erkannt wird, wird wieder in Frage gestellt. Zeigt es einen Prozess, zeigt es das

Detail

Ausgangsmaterial, zeigt es die fertigen Radierungen? Sets Ja und Nein. Mr. Knott als zentrales Zitat eines Namens aus Watt ist ein weiterer Hinweis für Ja, aber dann doch Nein. Mr. Knott, der Herr von Watt, den Watt nie zu Gesicht bekommt, klagt über seine Nahrung, die er in einem Napf vor die Tür gestellt bekommt. Mal war er aufgegessen, mal sogar ausgekratzt, mal halbvoll und manchmal voll wieder vor die Tür gestellt.  Für Watt war das Rätsel des immer anders zurückgestellten Napf in einer anderen Lösung zu suchen als in der zu erwarteten. Es geht nicht um subjektives, wie Geschmack und Hunger, sondern Watt sieht das nie vorausberechenbare Ergebnis der Nahrungszunahme als Akt der Verantwortung von Mr. Knott und so „fielen ihm 12 Möglichkeiten in diesem Zusammenhang ein“. Abgekürzt beschrieben ist es eine logische Überprüfung verschiedener Anordnungen von Verantwortlichkeiten, im Satz immer gleich angeordntet, einzig die logischen Operatoren und und oder (Konjunktion und Disjunktion) vertauscht. Von anfänglich nachprüfbarer Aussage bleibt ab der 9. Möglichkeit nichts mehr übrig und die Aussage des Satzes führt sich selbst über in sich widersprechende Anordnungen. Aber nicht der Aussagsatz selber. Dieser bleibt stets Aussagesatz. (Subjekt Verb Objekt). Doch dann wird auch noch der Aussagesatz auf seine Wertigkeit hin überprüft: Weitere Möglichkeiten fielen Watt ein, aber er schob sie beiseite, er schlug sie sich aus dem Sinn, als einer ernsthaften Betrachtung unwürdig, vorläufig. Rückblickend als Leser muß man also feststellen, daß man mindestens ab der 8. Möglichkeiten unwürdiges gelesen hat. Unter diesem sich selbst im Widerspruch reflektierenden Zitat ist auch unseen und esse est percipi, spiegelverkehrt eingearbeitet, zu betrachten.
Alle Einheiten im Bild haben so eine zumindest anskizzierte Entität. Aber genau dieses Merkmal lässt die verschiedenen Einarbeitungen der Materialien eher in seine Einzelteile zerfallen, als sich  zusammen zu einem Ganzen, einem Bild zu fügen.

theatrum mundi I, 2011 - 2012, Papier, Drucke, Öl, Dias, 150 x 500cm

Smithereens nun lässt den Zerfall als Prinzip zu. Hier wird sogar fraglich, ob das Ausgangsmaterial als Bilderpool nicht auch austauschbar ist. Es trägt zum Bild bei, bei genauerer Hinterfragung aber stellt sich die Frage, ob das, was das auftauchende, wiederholte, gruppierte Motiv in sich selber als kleinste Einheit darstellt, wichtig ist, oder eher als Platzhalter für eine variable Möglichkeit  einer Abbildung steht. Bei smithereens, theatrum mundi I, sind dies zwei Fotografien von mir, eine als Fotografie beibehalten, die andere über den Weg der Heliogravüre zur Radierung gebracht. Diese Heliogravüre ist gleichzeitig das Blatt 32 aus Le salaud! Il n’existe pas!. Vervielfältigt werden sie aber über ein Zinkklischee, wie auch die weiteren Zitate, hier Einzelheiten, Details aus Boschs Garten der Lüste eine Textpassage aus Abend mit Goldrand von Arno Schmidt, das sich textintern als Triptychon darstellt. (Bild 33). Ansonsten tauchen Verweise auf, wie bei der links oben eingehängten Weltkarte mit dem Verweis auf die Mercatorprojektion, was man wieder als Rückkoppelung zum Titel lesen könnte. (mundi : die Welt (Kugel) auf eine Ebene projiziert, und zwar in der Art Mercators, das zu verzerrten Darstellungen führt, je größer der Maßstab). Theatrum im Titel trägt das Konvolut als (wissenschaftliche) Sammlung in sich. I ist logisch, das ist die Anordnung in der Galerie Westend. Fraglich ist aber, ob die inhaltliche Durchdringung des Titels tatsächlich noch zu einer Entschlüsselung beitragen kann. Smithereens sind Splitter eines großen Ganzen, die sich aber nicht mehr zusammenfügen lassen. Aus smithereens wird kein Mosaik mehr. Ähnliches erfahren wir bei der Entropie. Aus scheinbar geordneten Urzuständen von Gas, in denen die Gravitation eine Rolle spielt, entwickeln sich die gleichmäßig verteilten Moleküle zu einer Konfiguration, die sich durch dichtere Klumpengebiete kennzeichnen. Dies erscheint in einer tasächlich geordneten Anordnung, aber bei der Berechnung der Entropie muß man die Beiträge aus allen Quellen berücksichtigen und genau dies ist ab einem kritischen

Mönch am Meer, 2010, Helogravüre, Platte 20 x 20 cm, Auflage 20

Moment nicht mehr möglich. So auch bei smithereens. Man darf aber nicht dem Fehler unterliegen, nur weil man nicht mehr die Ausgangsanordnung zurückberechnen kann, den beobachteten Zustand als chaotisch oder beliebig zu betrachten. Was wir beobachten ist ein Zustand,der bei fortschreitender Entropie wiederum nicht zurückberechnet werden könnte usw…Wir wissen also nur annähernd, in welchem Zustand sich das Betrachtete befindet. Die smithereens zeigen also einen Zustand. Bei den  smithereens, theatrum mundi I wird in der Ausstellung noch das Ausgangsmaterial gezeigt, unkommentiert, nur mit einem Titel versehen, erwerbbar als Fotografie bzw. als Originalgraphik. Die Fotografie h-moll Sonate zeigt einen Geiger bei einer Tonaufnahme. Die Belichtungszeit war exakt die Dauer der Sonate, hier ca. 40 Minuten. Daß die h-moll Sonate von Bach gespielt wird, kann

h-moll Sonate, 2005, Fotografie, 60 x 60 cm, Auflage 7

man nicht überprüfen, das muß man mir, bzw. dem Titel glauben. Mönch am Meer, der Titel der Heliogravüre, die auch als Blatt 32 in Le salaud! Il n’existe pas! existiert, ist ein Zitat eines Bildtitels von Caspar David Friedrich, nur daß bei mir der Mönch nicht mehr zu sehen ist. Hinweise, Verweise, Zitate, Gruppierungen, Wiederholungen, Befragungen, Negierungen lassen die Arbeit in seine Einzelteile zerbrechen, gleichzeitig existiert ein nicht sichtbares, narratives Band, über das sich die einzelnen Einheiten wiederum zu neuen Sinnzusammenhänge verbinden lässt, aber in einem extrem labilen Zustand, der sofort wieder zerfallen kann, nimmt man neuen Inhalt während der Betrachtung und versuchten Entschlüsselung dazu. Wenn das mit den  smithereens, theatrum mundi I – x funktionieren sollte, so wären sie tatsächlich eine Spiegelung unserer Betrachtungsweise auf alle Phänomene. Beliebig können sie nicht sein, da sie einerseits von mir geplant, konzipiert und erarbeitet wurden, daher also keine zufällige Zersplitterung, aber eben wie ein Gegenstand, der auf diese oder andere Weise zerfällt, hat vielleicht den Moment der Zersplitterung als zufällig, aber nicht das Ergebnis. Dies ist das Ergebnis verschiedenster Parameter, die man zur Berechnung des Urzustandes wie oben beschrieben heranziehen müßte und damit dürfte auch klar sein, daß das Ergebnis der Zersplitterung das einzigartige Ergebnis der im Moment der Zersplitterung vorhandenen Parameter als Einflüsse ist. Es wird nicht wiederholt, ist aber auf keinen Fall beliebig. Was wiederholbar ist, ist der Akt der Zersplitterung. Also siedeln sich smithereens, theatrum mundi I in dem verwundbaren Zwischenstadium der Planung einer Zersplitterung, dem Ergebnis dieser oder dem noch im Prozess der Zersplitterung sich befindenden Zustand. Das kann man nicht mit endgültiger Sicherheit bestimmen.

Michael Grossmann, Januar 2012

smithereens

Aus smithereens wird kein Mosaik mehr.

 

theatrum mundi I, 2011 - 2012, Papier, Drucke, Öl, Dias, 150 x 500 cm

Der Ausdruck hat etymologisch mit dem Schmied gar nichts zu tun, sondern hat sich aus dem Gälischen ins Englische eingeschlichen. Vgl. Bernard Share, Slanguage. A Dictionary of Slang and Colloquial English in Ireland (Dublin: Gill & Macmillan 1997), S. 263 (Artikel „smithereens“): „Ir. smiodar, fragment + dimin. ín, 1841– […]. Small broken fragments (lit. & fig.).” so Friedhelm Rathjen in seinem Essay Smithereens, in: Westwärts. Arno Schmidt und die amerikanische Literatur. Scheeßel: Edition ReJoyce 2007. : Eines der auffälligsten Merkmale an Arno Schmidts Erzählung „Caliban über Setebos“ ist der desintegrative Charakter des Textes: er scheint zu lauter Einzelheiten, zu Splittern und Fragmenten zu zerfallen, zu Smithereens. Ich bedanke mich sehr bei ihm, daß ich diesen Titel für meine Arbeiten zu Arno Schmidt / Morton Feldman benutzen kann.

zur Sonne und An'Ev, 2011,Öl, Papier und Klischeedrucke auf Papier, beide 35 x 60 cm;

Arno Schmidt spiegelt, so ganz exzessiv in Abend mit Goldrand, und zersplittert, so in Caliban über Setebos. Morton Feldman wiederholt und spiegelt. Man denke an das Streichquartett No.2 und das Klaviertrio.

Mit Spiegelungen, Wiederholungen und Zersplitterungen kann man vorhandenes Material sortieren und gewichten. Ihm Bedeutung geben, ihm Bedeutung nehmen. es in verschiedenen Häufigkeiten auftreten lassen und in verschiedenen Kontexten. Somit verschiebt sich die Rezeption des gleichen Materials. Das Material selbst, da schon vorhanden, erfährt keinerlei Entwicklung, keinerlei Gestaltung. Die Anhäufungen, Wiederholungen und Spiegelungen mit den smithereens entwickeln kein neues Bild mehr, sie bleiben Spiegelungen und Wiederholungen. Aus smithereens wird eben kein Mosaik mehr, so Felix Mendoza.

Unter dieser Vorgabe der Untersuchung sind die Arbeiten und ist meine Ausstellung in der Galerie Westend entwickelt.

 

zu smithereens, allgemeines

smithereens

erste Ausstellung zu der Serie am 17. Januar 2012 in der Galerie Westend in München

Aus der Geschichte der Kunst kennen wir die problematische Erfahrung, daß die Phänome der einen Epoche aus den Augen der anderen Epoche betrachtet werden. Die Äußerungen der Klassik über die Gotik, der Romantik über die Renaissance usw… Diese Äußerungen sind sehr aufschlussreich, zeigen sie doch, daß man den Horizont beachten sollte, von dem her gesprochen wurde.
Nehmen wir nun den Horizont unserer Moderne, und Lyotards Definition der Moderne: „Solange die Auflösung der Ganzheit noch als Verlust erfahren wird, befinden wir uns in der Moderne“, so zeigt sich der fundamentale Unterschied zur postulierten Postmoderne sofort: Sie sieht den Verlust der Ganzheit als Gewinn.
An zwei Künstlern, Arno Schmidt und Morton Feldman, die der Postmoderne schon nahestanden, soll dieses Projekt den Weg der künstlerischen Auseinandersetzung und den Schwierigkeiten in der Rezeption einer sichtbar gemachten postmodernen Arbeitsweise aufzeigen. Das bedeutet: Die innerhalb des Projektes zusammengestellten Arbeiten sollen und können ihre Perspektiven und ihren Horizont nicht leugnen und schon gar nicht verwerfen, sondern werden ihn aufsuchen und erproben. Die Vielheit der Perspektiven wird dabei als Gewinn begrüßt und nicht als Verlust zu beklagen sein.
Arno Schmidt kann man als Vorläufer des postmodernen Romans betrachten, ähnlich wie man Morton Feldmans ständiges Befragen seiner Methoden, Theorien und Ästhetiken als Erkunden und Bewerten eines kritischen Potentials der Postmoderne sehen kann.
Für die angefragten Komponisten und die kuratierten bildenden Künstler steht weniger die Auseinandersetzung mit Morton Feldman oder Arno Schmidt im Vordergrund, sondern die Brücke liegt vielmehr in  der Selbstreflexion der eigenen Perspektive mit dem eigenen Material und dem Umgang mit diesem mit dem Blick auf die Kunstgeschichte (s.o).
Die in das Projekt eingebetteten Musik-, Kunst und Literaturwissenschaftler sind dann in der Lage, mit dem vorhandenen künstlerischen Material die Bruchstellen zwischen der Moderne mit ihrem „Totalitarismus“ (Lyotard) und der Postmoderne mit ihrem Pluralismus auszuloten und somit als Vermittler zum Rezpienten zu erscheinen.
Das bedeutet, daß neben den künstlerischen Arbeiten auch Publikationen in verschiedener Art erscheinen werden.

Das Projekt wird in Deutschland wie in New York gezeigt. (Arno Schmidt und Morton Feldman).

Die beteiligten Künstler und Wissenschaftler werde ich peu à peu vorstellen. Auch weitere Bilder von Ausstellungen oder Konzerten werden hier bekannt gegeben